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Mythos und Moloch. Die Metropole in der modernen Hindi-Literatur (ca. 1970-2010)
20 Nov 2020
Einleitung: Zur Bedeutung der Stadt in der modernen Hindi-Literatur
Spätestens seit Salman Rushdies Welterfolg „Midnight’s Children“ hat sich der indo-englische Roman einen festen Platz im Kanon der Weltliteratur erobert.1 In der Regel siedeln die Autorinnen und Autoren ihre Handlung in einer der indischen Metropolen an: Salman Rushdie, Kiran Nagarkar und Jeet Thayil wählen Mumbai (Bombay) als Schauplatz. Die Romane von Amitav Ghosh und Neel Mukherjee spielen in Kalkutta und Rana Dasguptas „Capital“ sowie Arvind Adigas „White Tiger“ in der Hauptstadt Neu-Delhi.2 Im Zuge dieses Booms englischsprachiger Stadtromane aus Indien hat sich eine eigene Sparte in der Forschung etabliert, die untersucht, welche Bedeutung der Megastadt in diesen Romanen als Schauplatz von Familiengeschichte(n), Symbol für die indische Geschichte und Kultur, als interkulturelle Kontaktzone oder realer und imaginärer Heimat der Charaktere zukommt.3
Stadtliteratur in Hindi genießt in den Kulturwissenschaften bislang nicht die gleiche Aufmerksamkeit wie die indo-englischen Stadtromane. Zwar haben sich in den vergangenen Jahren, ausgelöst durch einen breiten urban turn in den Kulturwissenschaften, vor allem indische, amerikanische und englische Vertreter der Subaltern Studies der regionalsprachlichen Populärkultur in den Metropolen zugewandt. Ihnen geht es darum, durch die Einbeziehung von künstlerischen Ausdrucksmedien jeglicher Art ein umfassendes Verständnis von urbanen Wahrnehmungs- und Erfahrungswelten zu erlangen. Diese Studien richten ihr Erkenntnisinteresse jedoch vor allem auf Felder einer (angeblich) nicht-elitären Kulturproduktion. Dazu zählen koloniale wie postkoloniale orale Traditionen wie das Straßentheater4 und gedruckte Zeugnisse der Unterhaltungskultur und Trivialliteratur ebenso wie (meist englischsprachige) Comics, Pulp Fiction und Graphic Novels der letzten zwei Jahrzehnte.5 Zuweilen weist die Auswahl der regionalsprachlichen Quellen in Untersuchungen der Postcolonial und Subaltern Studies, die selbst in der Tradition neomarxistischer Theoriebildung stehen, eine Vorliebe für „linke“ oder marxistisch beeinflusste Bewegungen wie der Progressive Writers’ Association der 1930er und 40er Jahre auf.6 Werke, die etwa außerhalb des bis ca. 1950 etablierten Kanons der Hindi/Urdu-Literatur liegen, oder gar aus tendenziell traditionell-konservativen Milieus der (unteren) indischen Mittelklassen stammen, finden hingegen kaum oder gar keine Erwähnung.
Die vorliegende Arbeit behandelt dagegen vor allem solche Literatur, die nach Francesca Orsini die normierende Agenda des sogenannten „Hindi Establishments“ verfolgt.7 Dieser Kreis von eher konservativen, männlichen und im antikolonialen Sinne „nationalistischen“ Kulturschaffenden verfolgte seit dem 19. Jahrhundert das Ziel, Hindi als Nationalsprache gegen Urdu (und Persisch), Englisch und andere indische Sprachen durchzusetzen. Im Zuge nationaler Reformbewegungen seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert wurden „moralisch fragwürdige“ Genres, orale Traditionen und persische Einflüsse zunehmend zurückgedrängt.8 Diese zugleich sprachpolitische und normative Ausrichtung des Mainstreams der Hindi-Literatur hat sich bis heute erhalten. Sie vorzustellen, in ihren zeitgeschichtlichen Kontext einzubetten und exemplarisch zu analysieren ist ein wichtiger Beitrag, um die indische, Hindi-sprachige Gesellschaft im Ganzen besser verstehen zu können, auch wenn die Ergebnisse nicht immer dem entsprechen mögen, was manch westliche Beobachter für wünschenswert halten. Indien ist in weiten Teilen ein konservatives Land und das gilt es als Realität anzuerkennen, genauso wie die emanzipatorischen Gegenbewegungen gegen eingefahrene Muster der Gesellschaft oder die verborgenen Laster und Sehnsüchte, die Spaltungen und Gewaltpotentiale, die sich selbstredend auch in der kulturellen Produktion ihre Wege bahnen.9
Trivial- und populärkulturelle Beispiele aus Literatur und Film werden in dieser Arbeit daher weitgehend ausgeklammert, um die Selbstbefragungsdebatten um Urbanität, Gesellschaft und Wandel, die in der Hindi-sprachigen „Hochliteratur“ geführt werden, näher zu beleuchten. Und wie zu zeigen sein wird, gibt es auch hier eine Durchlässigkeit der Genres.10 So wirkt, Charu Gupta zufolge, einerseits die Unterhaltungsliteratur an vielen Stellen normierend, etwa durch Geschlechterstereotypen in pornografischen Texten.11 Andererseits weisen einige der hier vorgestellten Beispiele, die der sogenannten Hochliteratur zugerechnet werden, eine Nähe zum Populären oder zum literarischen Kitsch auf.
Insgesamt stehen weniger literatursoziologische Fragestellungen im Vordergrund dieser Arbeit, als vielmehr das Bemühen, literarische Diskurse im Mainstream der Hindi-Literatur anhand wiederkehrender Themen und Motive zu klassifizieren und die literaturgeschichtliche Entwicklung dieses Zweigs Hindi-sprachiger Stadtliteratur einer kritischen Einordnung hinsichtlich ihrer Funktion und Bedeutung zu unterziehen. Die literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit regionalsprachlicher Stadtliteratur steckt nämlich noch in den Kinderschuhen; darauf hat zuletzt Hans Harder in einem programmatischen Aufsatz hingewiesen.12 Zugleich macht Harder auf die weit zurückreichende, eigene Tradition der Stadtbeschreibung in den südasiatischen Regionalsprachen aufmerksam. Diese reicht von den Portraits der Städte Ayodhya und Lanka im „Rāmāyaṇa“ und Beschreibungen des aristokratischen Lebensstils im „Kāmāsūtra“ über das Genre šahar-ašob, „Stadt des Verfalls“, in der Urdu-Dichtung des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, bis hin zu Gegenwartsromanen von Alka Saraogi, Nabarun Bhattacharya und Geetanjali Shree.
Nach dieser Eingrenzung des Gegenstandes stellt sich die Frage, wie die Werke literaturwissenschaftlich zu untersuchen seien: So behandeln viele der vorhandenen Studien, die in Hindi vorliegen,13 Stadtromane (in Hindi) unter rein mimetischen Gesichtspunkten, also unter der Annahme, Literatur sei ein Spiegel von Wirklichkeit. Dieser Ansatz dient dann häufig dazu, gesellschaftliche Phänomene anhand von literarischen Beispielen zu problematisieren. Das ist sowohl in literaturtheoretischer Hinsicht als auch im Hinblick auf den sozialen Entstehungskontext von Hindi-Stadtliteratur hochgradig unbefriedigend und unterkomplex. Literatur und Realität lassen sich spätestens seit der grundlegenden Arbeit von M. H. Abrams „The Mirror and the Lamp“ nicht eins-zu-eins aufeinander beziehen.14 Deshalb wählt diese Arbeit eine andere Herangehensweise, um das Verhältnis von literarischen Stadttexten auf Hindi in Bezug zur südasiatischen Moderne zu setzen. Vom pragmatischen Standpunkt aus betrachtet ist Literatur ein Modell von Wirklichkeit, ein „konstruktiver Verstehensentwurf“.15 Literarische Texte über Städte lassen sich als eigene, künstlerisch geformte Zeichenwelten lesen: „the city and its literature share textuality – that the ways of reading literary texts are analogous to the ways urban historians read the city.‍“16 Solche „Textstädte“, um ein Konzept des amerikanischen Literaturtheoretikers Richard Lehan aufzugreifen, haben zwar einen semantischen Bezug zu den realen Städten Bombay, Kalkutta oder Delhi, können diese aber nie vollständig und immer nur innerhalb einer erzählten Welt abbilden. Die fiktionalen Texte stehen aber dennoch in einer ganz besonderen Wechselwirkung zu den realen Städten, denn sie formen und überformen auch das Bild, das sich Menschen von den Städten machen. Sie nehmen vorhandene Bilder aus der Populärkultur auf, entwerfen neue Bilder, die dann ins Archiv kultureller Vorstellungen aufgenommen werden, und prägen somit auch Haltungen zur Stadt: Das Bombay von Bollywood, der zugleich kreative und verheißungsvolle, aber auch zerstörerische Moloch, in dem der Einzelne entweder aufsteigen oder untergehen muss, ist hier sicher das einschlägigste Beispiel.
Um diese Wechselwirkung mit der realen Stadt abzubilden, eignet sich als empirisches Analyseinstrument das Konzept des „(urbanen) Ethos“.17 Ethos, wie ihn Ethnologen und Soziologen heute verstehen, bezeichnet das, was Mitglieder einer Gruppe oder Gemeinschaft über Sitten und Gebräuche hinaus verbindet, nämlich die Anerkennung genereller Grundsätze, die auf unhinterfragten existentiellen Gewissheiten gründen.18 Ethos kann also durchaus als normative Kategorie verstanden werden, die gleichermaßen individuelle und soziale Haltungen und moralische Zwischenräume wie auch Idealbilder fiktionalen Ursprungs umfasst. Der Leitbegriff des urbanen Ethos dient dabei als Rahmen, in dem Erfahrungen und Wahrnehmungen sowohl aus einer individuellen Perspektive (Erleben der fiktionalen Protagonistinnen und Protagonisten) als auch aus einer intersubjektiven und sozialen Perspektive (Vorstellungen von Gesellschaft) untersucht werden können.
Das Konzept lehnt sich an Georg Simmels kulturphilosophische Vorträge und Schriften an. Die anhaltende Bedeutung Simmels und dessen Wiederentdeckung in den Sozial- und Kulturwissenschaften zeigt, dass seine Schriften auch heute noch als Zeugnisse einer „moderne[n] Erfahrungswissenschaft […] mit Ausrichtung auf die zeitlosen Formen (moderne ‚Strukturen‘) der Prozesse der Vergesellschaftung gelesen werden können.19 Für Simmel entpuppt sich die Freiheit zur Selbstentfaltung in der Großstadt, fern aller einzwängenden sozialen Abhängigkeiten der dörflichen Gemeinschaft, in „Die Großstädte und das Geistesleben“ (1903) als eine Medaille mit zwei Seiten: Dem individuellen Gewinn an Freiheit steht die stets präsente Gefahr der Nervosität und Entfremdung durch Reizüberflutung und gestiegenen Anpassungsdruck gegenüber. Simmels Analyse lässt sich auch auf das Südasien des 19. und 20. Jahrhunderts übertragen, hält man sich vor Augen, dass die urbanen Entwicklungen in Südasien doch unter ähnlichen Vorzeichen standen wie zur Jahrhundertwende in Europa und den USA: Das massive demographische Wachstum der Metropolen Kalkutta und Bombay im 19. Jahrhundert, die Anfänge der Industrialisierung seit 1870 und die zweite Industrialisierungs- und Urbanisierungswelle im unabhängigen Indien zu Beginn der 1950er Jahre sind auch Wegmarken einer indischen Geschichte der Modernisierung.20
Sehr viel schwieriger ist es hingegen, den Beginn und das Wesen der indischen Moderne zu fassen, auch weil der Begriff in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung hart umkämpft ist.21 Historisch betrachtet setzte die kulturelle Moderne im heutigen Südasien mit der Gründung der Asiatic Society (1784) und des Fort William College (1800) im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert zuerst in Bengalen ein. In Kalkutta wurde zum ersten Mal philologische Forschung im historisch-kritischen Sinne der westlichen Aufklärung betrieben, wiewohl der Hauptzweck des College in der Ausbildung von Angehörigen der britischen East India Company (und später der britischen Krone) in indischen Sprachen bestand. Durch solche neuen Bildungsimpulse und Handelskontakte entstand in Bengalen eine Schicht wohlhabender und westlich gebildeter Inder (bhadralok), aus der berühmte Reformer wie Ram Mohun Roy hervorgingen, die eine geistige, spirituelle und gesellschaftliche Erneuerung der Verhältnisse anstrebten und erste Vorstellungen von einer indischen Nation entwickelten. All diese neuen Entwicklungen sind unter der Bezeichnung „Bengali Renaissance“ als Beginn einer genuin indischen Moderne in die Geschichtsbücher eingegangen, wenngleich ihre Herausbildung untrennbar mit dem britischen Kolonialismus verbunden ist und es sich – wie auch bei der namensgebenden Renaissance in Europa und der Aufklärung selbst – gleichermaßen um historische Momente des Aufbruchs in eine neue Zeit wie um kämpferische Eigenbezeichnungen der historischen Protagonisten handelt.
Aus dieser engen Verbindung von „westlicher“ und „indischer“ Moderne rührt die allgemeine Skepsis gegenüber einer begrifflichen Festlegung von „Moderne“ und „Modernität“ (im Englischen beides modernity) für Südasien. Partha Chatterjee, einer der wegweisenden Theoretiker der Subaltern Studies, begründet in seinem Essay „Our Modernity“ diese Skepsis gegenüber dem Begriff der Moderne und ihren Verheißungen wie Gleichheit und freie Meinungsäußerung damit, dass sie untrennbar mit den vielfältigen Widersprüchen der kolonialen Zivilisierungsmission verbunden war.22 Bald scheint es, die Begriffe Moderne und Modernität seien bis heute so vorbelastet, dass eine fortführende Diskussion etwa um die Postmoderne im Keim erstickt wird, und sich viele Studien stattdessen mit dem – selbst im Kern postmodernen – Grundsatz „anything goes“ begnügen, um dem gefürchteten Fortschreiben kolonialer Meistererzählungen zu entgehen. Viele Autorinnen und Autoren dieser Schule betonen, es gäbe in Südasien nicht nur die eine Moderne (nach dem Vorbild Europas), sondern multiple, alternative oder gar „unauthorized modernities“.23 Der indische Schriftsteller und Kulturwissenschaftler Makarand Paranjape schlägt vor, zur Realisierung des postmodernen Projekts, das im Kern eine intellektuelle Verschiebung „from knowledge to wisdom“24 anstrebte, ein „indigenous and homespun theorizing“25 zu entwickeln, um damit koloniale Hierarchien und Denkmuster, welche bis heute in intellektuelle Debatten hineinwirkten, endgültig zu überwinden. Er geht so weit, zu behaupten, „non-dualism […] is what we can consider India’s truth“.26 Die vorliegende Arbeit geht jedoch davon aus, dass ein solcher Relativismus mindestens ebenso schlimm ist, wie das Übel, das er zu bekämpfen vorgibt. Und zwar mit Blick auf wissenschaftliche Erkenntnisfortschritte, die man auf diese Weise ausschließen würde, und auch im Hinblick auf den persönlichen Werterelativismus, den sich die Erforscherin der südasiatischen Modernen sonst einhandeln müsste. Denn es ist möglich, die Besonderheiten der indischen Moderne, die zweifellos eng mit dem Kolonialismus verbunden sind, anzuerkennen und gleichzeitig Bezüge zur ‚westlichen‘ Moderne in Europa und Amerika herzustellen. So bewerteten auch indische Denker, Reformer und Literaten moderne Entwicklungen aus dem Gefühl „dialektische[r] Zwiespältigkeit“27 heraus. Anhand des bengalischen Reformers Ram Mohun Roy zeigt Hans Harder, dass die Gegenüberstellung kultureller Codes, allen voran modern vs. traditionell und indisch vs. westlich, seit dem frühen 19. Jahrhundert zur „gedankliche[n] Grundausstattung“ indischer Authentizitätsdebatten gehörte.28 Diese dialektische Auseinandersetzung mit der Moderne setzte sich fort: Bis weit in die Unabhängigkeit Indiens hinein beschäftigten Fortschritt, Beschleunigung und veränderte Sozialstrukturen indische Autorinnen und Autoren genau so intensiv wie europäische oder amerikanische. Und diese ähnliche Ausrichtung der globalen Debatten um Moderne und Modernität zu unterschlagen, wäre mindestens ebenso falsch wie fragwürdig. Denn es würde ja bedeuten, Südasien und südasiatische Denker aus der Moderne auszuschließen und damit den kulturellen Überlegenheitsanspruch, der die finsterste Epoche des Kolonialismus kennzeichnete, von vorneherein in den hermeneutischen Aufbau wissenschaftlicher Untersuchungen einzubauen.
Mit dem Vergleich von indischer und europäischer (oder „westlicher“) Moderne stellt diese Studie daher bewusst die weit verbreitete Annahme der Postcolonial und Subaltern Studies von den multiplen Modernen in Frage. Denn südasiatische Stadtliteratur zeigt, dass Moderne auch auf dem Subkontinent janusköpfig und doppeldeutig ist. Und genau die Anzeichen der globalen Moderne und der damit seit dem 19. Jahrhundert – global – verbundenen Prozesse: „Individualisierung, Differenzierung, Spezialisierung und Abstraktion“ sowie „Technologisierung, Säkularisierung, Rationalisierung und Verwissenschaftlichung“.29 In Verbindung mit Simmels Beobachtungen eignet sich das Konzept des urbanen Ethos daher besonders gut dazu, die literarische Verarbeitung von Urbanisierungserfahrungen und dem kulturellen Spiel mit den Kontrasten traditionell-ländlich und fortschrittlich-großstädtisch in der Hindi-Stadtliteratur zu beschreiben und einzuordnen. Durch die Verknüpfung des literaturwissenschaftlichen Konzepts der Textstadt mit der soziologischen Kategorie des urbanen Ethos verbindet diese Studie daher die Analyse von Motiven, Themen und Perspektiven in den untersuchten Texten mit Ansätzen aus der Stadtsoziologie und Ideengeschichte.
Im größeren geistesgeschichtlichen Kontext betrachtet lässt sich die Hindi-Stadtliteratur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, vereinfachend gesprochen, in drei Phasen einteilen: In den Jahren unmittelbar nach der Staatsgründung 1947 entstand in den 1950er Jahren die Nayī Kahānī als erste literarische Strömung des unabhängigen Indiens.30 Die ersten zwei Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit standen unter dem Eindruck des sprunghaften demographischen Wachstums und unter dem von Jawaharlal Nehru angestoßenen Industrialisierungs- und Modernisierungsschub. Die Nayī Kahānī war auch deshalb von der Perspektive des Neuankömmlings gekennzeichnet, weil viele Autoren selbst in Großstädte, v.a. Delhi und Bombay, zogen.31 Sie leuchteten unter Einsatz klassisch-moderner Ausdrucksmittel, wie der erlebten Rede oder des stream-of-consciousness, die Gedanken- und Gefühlswelten ihrer Figuren tiefenpsychologisch aus und schilderten in betonter Nüchternheit alltägliche Erfahrungen in und mit der urbanen Umwelt. Die Suche nach dem eigenen Platz in der Großstadt weitete sich in den Jahrzehnten nach 1960 auf Fragen der gesellschaftlichen und nationalen Identität aus. In der zweiten Phase (ca. 1970-1990), die von politischen und ökonomischen Krisen wie dem Notstand unter Indira Gandhi 1975-1977 geprägt war,32 wandten sich viele Autoren vom Individualismus der Nayī Kahānī ab. Die Vertreter des sozialkritischen Realismus stellten subjektive Entfremdungserfahrungen in einen größeren gesellschaftlich-nationalen Kontext und rangen in zahlreichen zivilisationskritischen Kurzgeschichten, aber auch in utopischen und dystopischen Erzählungen um den Stellenwert ihrer eigenen kulturellen Werte. Damit eröffnete die Hindi-Stadtliteratur einen Diskursraum, in dem das postkoloniale Deutungsschema „das Selbst vs. das Andere“ vor der Folie älterer Gesellschaftsentwürfe, etwa Mohandas Karamchand Gandhis Vision von der ‚authentischen‘ indischen Dorfnation, diskutiert und mit eigenen Vorstellungen zur gesellschaftlichen Einheit erweitert wurde. Der Topos der Überfremdungsangst, die durch Kapitalismus und Technisierung hervorgerufen wird, überdauerte auch die 1990er Jahre und lebt als Globalisierungskritik in der Gegenwart fort.
Ende der 1990er Jahre zeichnet sich in der Hindi-Stadtliteratur ein weiterer Paradigmenwechsel ab, der sich in einer Auffächerung von Erzählformen, einer experimentellen Aneignung traditioneller Sprachformen und mehrdeutigen, postmodernen Erzählweisen bemerkbar macht.33 In einer Art reflexiven Wende hinterfragen die Protagonistinnen und Protagonisten der Geschichten jetzt nicht mehr nur das urbane Leben selbst, sondern auch dessen Bedingungen, insbesondere das Fortschrittsversprechen des globalen Kapitalismus. Eine zweite Dimension dieser reflexiven Wende besteht darin, dass viele Autorinnen und Autoren das Schreiben und Geschichtenerzählen in der oder über die Stadt selbst zum Thema machen, was sich etwa in autobiographisch angelegten Erzählperspektiven und in der Verflechtung von Figurenbiographien und Stadtgeschichte(n) äußert.
In jeder dieser drei Phasen hatte (und hat) die Hindi-Stadtliteratur eine stabilisierende Wirkung auf gesellschaftliche sowie nationale Identitätsbildungsprozesse der Hindi-sprachigen Mittelschichten in Indien, wie sich etwa an den Kontinuitäten zu älteren Denkfiguren und Gesellschaftsutopien aus der Zeit des Nationalismus zeigen lässt. Für die Hindi-Literatur lässt sich hinsichtlich solcher nationalistischer Idealvorstellungen (und ihrer Gegenbilder) also kein drastischer postkolonialer Bruch konstatieren. Im Versuch, sich die eigene kulturelle Identität anzueignen, zeigt sich allerdings ab den 1970er und 80er Jahren eine intensivere Auseinandersetzung mit „westlichen“ Einflüssen. Die Suche und Bestätigung des ‚Eigenen‘ ist dabei untrennbar mit der Annahme verbunden, dass dieses Eigene zugleich authentisch sei.
Literaturproduktion in Hindi geschieht schließlich nicht in einem politischen Vakuum, sondern ist in ein umkämpftes linguistisches und ideologisches Feld eingebettet, das sich auch über die Abgrenzung zum Englischen definiert.34 Regionalsprachliches Schreiben steht auch im Kontrast zur englischsprachigen Bildungs-, Konsum- und Geschäftswelt der urbanen Eliten. Bei jeder Studie zu regionalsprachlicher Literatur in Indien stellt sich die Frage nach dem Verhältnis dieses Schreibens zum Englischen, das auch nach der Unabhängigkeit seinen Status als Bildungssprache der einheimischen Eliten behalten und zudem die Rolle einer globalen lingua franca hinzugewonnen hat. Diese Entwicklung hat in Indien vor allem in der urbanen Bildungsschicht zu einem sogenannten Hindi-English-gap geführt. Diese „Lücke“ zwischen den Sprachen ist darauf zurückzuführen, dass das Englische nach wie vor das Feld der höheren Bildung besetzt und sowohl in akademischen Zirkeln als auch in der Literaturkritik als Mediator zwischen den bhāṣās, den indischen Neusprachen, fungiert.35 Hindi und andere ‚Regionalsprachen‘ gelten demgegenüber eher als die Sprachen der traditionellen, häuslichen (d.h. auch weiblichen) und ländlichen Lebensbereiche: „In the process, English in India becomes a sign of the cosmopolitan, the urban, and the elite, whereas bhasha literatures become artificially fixed to their somewhat artificially structured ‚regional‘ locations.‍“36 Schließlich weisen viele gebildete Städter selbst ihrer Muttersprache den Status einer „kitchen language“37 zu. Bedeutsame moderne indische Literatur, so eine unhinterfragte und selten so explizit wie von Salman Rushdie geäußerte Annahme, werde in Englisch verfasst.38
Noch dazu befindet sich anspruchsvolle regionalsprachliche Literatur in einer schwierigen Marktsituation. Der Kreis der potenziellen Abnehmer ist auf ein gebildetes urbanes Milieu begrenzt, wobei in diesem Abnehmerkreis Englisch hohes Ansehen als Akademiker- und Kultursprache genießt. Außerdem ist die Produktion und Vermarktung von neusprachlicher indischer Literatur schwierig, weil die indischen Verlage finanziell schwach aufgestellt sind: Es mangelt an Mitteln, um die Bücher kommerziell zu vermarkten, dazu kommt eine undurchsichtige Auflagenpolitik und schließlich die Vorliebe der zahlkräftigen Mittelschicht für englische Romane, wovon Unterhaltungsliteratur wohl die größte Sparte abdecken dürfte.39 Auch über die Rezeption Hindi-sprachiger Bücher lassen sich kaum verlässliche Aussagen treffen.40 Schließlich finden nur wenige Werke überhaupt den Weg in „westliche“ Buchhandlungen, nicht zuletzt, weil es an professionellen Literaturübersetzern und dem Interesse vonseiten der Publikumsverlage mangelt.41
Selbst für den forschenden Zugriff auf die Regionalsprachen stellen die grundlegenden Begriffe ein Problem dar. Begrifflichkeiten wie Regional- oder Vernakularsprachen suggerieren „entweder einen niederen Ursprung (lat. vernaculus einheimisch, häuslich, pöbelhaft, zu Sklaven gehörig) […] oder […] verweisen auf klare geografische Abgrenzbarkeit sowie auf eine in Indien übliche administrative Terminologie, was […] irreleitend ist.‍“42 Um dieser Verzerrung etwas entgegenzusetzen, schließlich spricht heute ein knappes Viertel der Weltbevölkerung, rund 1,7 Milliarden Menschen, eine südasiatische Muttersprache, schlägt Hans Harder den Terminus der „südasiatischen Neusprache“43 vor. An anderer Stelle zieht er jedoch ganz bewusst vernacular der alternativen Bezeichnung South Asian languages vor, um das oben skizzierte Hierarchiegefälle zwischen Regionalsprachen und dem Englischen zu problematisieren.44 In der vorliegenden Studie wird vor allem der Begriff der Regionalsprache benutzt, einmal aus Gründen der Praktikabilität, aber auch, um klarzumachen, dass die Herausforderungen, denen sich Literatur in Hindi gegenübersieht, untrennbar zu den Produktionsbedingungen dieses Schreibens dazugehören. Die Entscheidung für einen scheinbar neutralen oder politisch korrekten Begriff würde für den Zweck dieser Studie nämlich genau den – gleichermaßen produktiven wie problematischen – Kontext des Hindi-English-gap verdecken.
Ein wichtiger Grund für das Gefälle zwischen den indischen Regionalsprachen und Englisch – gewissermaßen die Kehrseite des Hindi-English-gap – ist auch im historischen und ideologischen Projekt der Nationalsprache Hindi zu suchen. In der gesamten Debatte sollten Beobachter nämlich keineswegs die politische Bedeutung und Macht der Regionalsprachen unterschätzen. Sie sind mit dem Attribut „einheimisch“ fest in lokale Denk- und Wissenssysteme eingebettet: „Urban dwellers experience their globally situated and connected urban space as decidedly local lifeworlds, thick with specific experiences, practices, imaginations, and memories.‍“45 Gerade Regionen im sogenannten Hindi belt abseits der drei Megastädte weisen eine sehr lebendige Literaturproduktion und -rezeption auf.46 Und das macht Hindi zu einem Machtfaktor in der indischen Politik. Die hindunationalistische BJP setzt ganz bewusst Hindi ein, um untere Mittelschichten anzusprechen.47 Mit der Weigerung des aktuellen Premierministers und vieler BJP-Politiker, verständliches Englisch zu sprechen, hat diese auf kulturelle Identität abzielende Politik eine neue, mitunter beängstigende Intensität erreicht.48 Die hier bloß angedeutete kulturelle und politische Verwurzelung indischer Literatursprachen ruft aber, wenn wir nun in den Bereich der Literatur zurückkehren, vor allem Fragen nach der Authentizität der erzählten Welten und den Authentifizierungsstrategien ihrer Autorinnen und Autoren auf den Plan. Die Frage lautet also nicht, ob regionalsprachliche Werke authentischer sind als ihre indo-englischen Pendants, sondern: Welche Funktion erfüllt die Vorstellung von Authentizität angesichts der umstrittenen, politisch aufgeladenen und ökonomisch schwierigen Lage der Hindi-Literatur?‍49 Mit Rashmi Sadana lässt sich feststellen, dass auch die Authentizitätsdebatte als eine Art „politics of imagination“50 der Logik indischer Identitätspolitik folgt: „the idea of cultural authenticity is a political variable – rather than a cultural truth“.51
Bereits im Streben um die nationale Einheit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte das Attribut des ‚Lokalen‘ oder ‚Traditionellen‘, das besonders dem Hindi angeheftet wurde, als ideologisches Mittel im Kampf um die nationale Identität und gegen die Sprache und Kultur der englischen Kolonialherrscher gedient.52 Mahatma Gandhi unterstützte in „Hind Swaraj“ (1909) die Idee der Nationalsprache Hindi (damals Hindustani).53 Damit war untrennbar die Vorstellung des kommenden Indien als einer Nation der Dörfer verbunden. Für Gandhi war das Dorf die Seele der Nation. Deshalb entwickelte sich die Vorstellung von Indien als einer Nation der Dörfer im Unabhängigkeitskampf zu einem locus classicus im kollektiven Bewusstsein der in Entstehung begriffenen indischen Nation.54 Allerdings gab es auch einflussreiche Gegenstimmen: Gandhis politischer Verbündeter Nehru sah das indische Dorf z.B. als Hort der Rückständigkeit und Ignoranz an.
Dennoch strahlte der Topos vom Dorf als Wiege der indischen Nation, wie Gandhi ihn propagiert hatte, noch lange in die Zeit nach der Unabhängigkeit aus. Er fand seinen populären Niederschlag in Filmen wie Pather Panchali (1955) von Satyajit Ray und in der sogenannten Regionalliteratur (Āṃcalik Sāhitya) im Sinne von Literatur aus der Peripherie. Es handelte sich dabei um eine Parallelbewegung zur Nayī Kahānī, die an eine frühe Form des sozialen Realismus aus den 1930er Jahren anknüpfte und der Phanishwarnath Renus Roman „Schmutziger Rand“ (mailā āṁcal) von 1954 ihren Namen gab.55 Die Vertreter der Āṃcalik Sāhitya beriefen sich auf Dhanpat Rai Shrivastav, besser bekannt unter seinem Pseudonym Munshi Premchand, der als Pionier der modernen Hindi-Literatur große Popularität erlangte. Premchand hatte bereits in den 1930er Jahren die Lebenswelt sozial benachteiligter Gruppen aus der ländlichen Bevölkerung, allen voran der Bauern, ins Zentrum seines Schaffens gerückt.56 Auch die Erforschung der Hindi-Literatur in der deutschen Indologie/Südasienkunde orientierte sich während des Kalten Krieges an unterschiedlichen Wahrnehmungen von Dorf und Stadt als ‚authentischen‘ bzw. ‚unauthentischen‘ Orten der indischen Nation. So interessierten sich vor allem Forscherinnen und Forscher in der ehemaligen DDR für Hindi-Dorfromane.57 Sie verorteten Premchand und die nachfolgende Generation von Literaten, zum Beispiel Renu, Markandeya und Shivaprasad Singh, in der Tradition des sozialistischen Realismus,58 in der Literatur vor allem dazu dienen sollte, gesellschaftliche Missstände im Kapitalismus aufzuzeigen. Im Westen hingegen richtete sich das Interesse vor allem auf den individualistischen Ästhetizismus der Nayī Kahānī oder auf experimentelle, marxistisch beeinflusste Schulen, wie den Prayog'vād (experimentelles Schreiben) oder die „Nicht-Geschichte“ (Akahānī), die mehrheitlich einen urbanen Hintergrund hatten – sowohl in Bezug auf ihren Entstehungsort als auch auf den literarischen Schauplatz.59 In gewisser Weise ergeben sich dadurch bemerkenswerte Parallelen zwischen dem kollektiven Bewusstsein der indischen Nation, der Topologie regionalsprachlicher Literatur in Indien und den Bildern von Indien, die sich Beobachter von außen machen: Alle kreisen gleichsam um den Gegensatz von Dorf und Stadt, der stets mit den beiden Polen des Authentischen und Unauthentischen verknüpft bleibt. In anderen Worten: So wie das Dorf durch Gandhi zum Gründungsmythos der indischen Nation gehört, so gehört es durch Premchand auch zur Grundausstattung der Hindi-Literatur und durch den Ost-West-Gegensatz in der Südasienforschung auch zum Erbe der deutschen Indologie.
Angesichts dieser komplexen Ausgangssituation besteht das Ziel dieser Arbeit darin, die Bedeutung der Stadt in der Hindi-Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu erforschen. Auf der erzähltheoretischen Ebene lautet die Frage: Welche literarischen Bilder und Vorstellungen von Stadt(gesellschaft) werden mit welchen narrativen Mitteln erzeugt? Und auf der literaturgeschichtlichen Ebene: Wie verarbeiten Autorinnen und Autoren ihre Erfahrungen mit Urbanität und Modernisierung? Besondere Bedeutung kommt auf beiden Ebenen den Beschreibungen von Migranten zu: In der Figur des Fremden spiegelt sich – in Anlehnung an Ashish Nandy – nicht nur die physische Reise vom Land in die Stadt wider, sondern auch die metaphorische Reise aus der imaginierten Heimstube der Nation, dem Dorf, hinein in die ehemalige Kolonialstadt.60 Im Gepäck trägt der Fremde das Bild von einem anderen Ort, einer ‚besseren‘ Gesellschaft mit sich, das er immer wieder mit der Realität abgleicht. Dieses Bild dient als Vorlage, nach der immer wieder neue Ideen von einer „inneren Sphäre“ entworfen werden. Autorinnen und Autoren nutzen diese Denkfigur, um gesellschaftliche Themen zu debattieren, aber auch, um alternative Vorstellungen vom städtischen Zusammenleben zu entwerfen. Hindi-Stadtliteratur eröffnet damit einen kritischen Diskursraum für Selbstbefragungsprozesse.61 Die Suche des Individuums nach dem Selbst ist häufig auch an Fragen der gesellschaftlichen und nationalen Identität gekoppelt.62
Die Texte, anhand derer diese Fragen beantwortet werden, sind nach inhaltlich-systematischen Kriterien ausgewählt worden.63 In den Texten sollte die Stadt nicht bloß als Schauplatz in Erscheinung treten, sondern urbane Erfahrung sollte explizit zum Thema gemacht werden. Deshalb lag der Literaturrecherche ein begriffliches Kriterium zugrunde: Begriffe wie śahar, nagar oder mahānagar bilden verschiedene Formen und Wahrnehmungen von Stadt ab.64 Bei einer distanzierten Betrachtung dieses Korpus zeigen sich bereits einige Trends: Titel wie „Die kranke Stadt“ (bīmār śahar), „In der fremden Stadt“ (aj'nabī śahar meṃ) oder „Großstadt“ (mahānagar) lassen bereits eine gewisse Programmatik erkennen, die sich in einer intensiven, nicht selten zivilisationskritischen Auseinandersetzung mit der urbanen Gesellschaft äußert.65 In manchen Fällen bleibt die Stadt anonym, etwa in Geetanjali Shrees Roman „Unsere Stadt in jenem Jahr“ (hamārā śahar us bar's),66 um ihre allegorische Bedeutung und die politische Aussagekraft des Romans zu erhöhen. Im Roman werden die gewaltsamen Zusammenstöße zwischen Hindus und Muslimen Anfang der 1990er Jahre aus der Perspektive einer säkular-liberal eingestellten Schriftstellerin geschildert. Obwohl davon auszugehen ist, dass wir es bei Shrees Schauplatz mit einer Millionenstadt zu tun haben, lässt die Bezeichnung śahar völlig offen, mit welcher Größenordnung von Stadt wir es zu tun haben.
Der Begriff mahānagar weist mehrere Bedeutungsebenen auf: Auf einer nominellen Ebene schließt er quantitative und qualitative Bedeutungen ein. Vieles deutet darauf hin, dass der Neologismus eine regionalsprachliche Entsprechung für die englische metropolis (griech. „Mutterstadt“) bzw. megacity ist. Dabei verweist das Präfix mahā, ähnlich wie die griechische Vorsilbe metro, sowohl auf die quantitative als auch qualitative Dimension von Stadt. In der literarischen Verwendung des Begriffs in Hindi schwingt eine Konnotation von Wachstum mit, zum Beispiel, wenn etwa der Wandel einer Stadt (nagar) zur Großstadt oder eben Megastadt (mahānagar) thematisiert wird.67 Ähnlich wie andere Komposita, die aus Sanskrit-Wörtern zusammengesetzt sind (tatsamas), etwa nagar-nigam, „Stadtverwaltung“, oder nagar-pramukh, „Bürgermeister“, umgibt auch mahānagar ein Hauch von Verwaltungssprache.68 Das mag ein Grund sein, warum es in literarischen Werken seltener vorkommt. Üblicherweise ist einfach nur von „Stadt“ die Rede, wofür oft das aus dem Persischen entlehnte, poetischere und semantisch offenere śahar (synonym mit nagar) benutzt wird. Die Übertragung des Wortes erfolgt entlang historischer Linien: Vor dem Hintergrund der Industrialisierung nach der Unabhängigkeit, die von der Kongresspartei unter Nehrus Führung eingeleitet wurde, erscheint „Großstadt“ und „Metropole“ die angemessenere Übersetzung, wohingegen spätestens mit der liberalen Ära ab 1991 die Megastadt, so darf vermutet werden, auf das Verständnis von mahānagar abgefärbt haben dürfte. Diese kurze Begriffsanalyse deutet schon an, dass das philologische Handwerk des Übersetzens im weiteren Sinne eine kulturgeschichtliche Systematisierung und Einordnung der literarischen Werke meint, die hier unter dem Genrebegriff „Stadtliteratur“ zusammengefasst werden. Eine generelle Schwierigkeit bei der Recherche bestand darin, dass für die zeitgenössische Hindi-Literatur kein Kanon definiert ist, geschweige denn für Stadtliteratur in Hindi. Insofern kann die Auswahl und Einbettung der Texte auch als ein Versuch verstanden werden, sich einem solchen Kanon anzunähern.
Die vier Kapitel eröffnen zwei konzeptionelle Blickwinkel auf literarische Stadtwahrnehmung und -darstellung: Der erste Teil der Arbeit, Kapitel eins und zwei, ist der narrativen Konstruktion der Stadt gewidmet, der zweite Teil der literaturgeschichtlichen Entwicklung der Hindi-Stadtliteratur. Das erste Kapitel lotet das Verhältnis verschiedener Textgenres zu populären Bildern und Narrativen aus. Stadtbilder weisen eine große Durchlässigkeit für populäre oder stereotype Topoi und Narrative auf. Diese Bilder unterscheiden sich jedoch in englischsprachigen und Hindi-sprachigen Texten: Während zum Beispiel englischsprachige Stadtbiographien das Bild von Bombay als legendärer Aufsteigermetropole lediglich zitieren, gewinnt es in Hindi-sprachigen Einführungen und Vorworten zu Stadtbiographien an Kontur, etwa im Vorwort zu Suraj Prakashs Anthologie „Bombay 1“ (baṃbaī-1).69 Bereits in solchen Paratexten wird deutlich, wie sehr Bombays Janusköpfigkeit an lokale Denkfiguren anknüpft: Bombays Sogwirkung wird mit dem Zauber der māyā erklärt, dem illusionären Schleier, der die Menschen glauben lässt, die materielle Welt habe eine Bedeutung. Damit bezieht sich der Herausgeber auf bekannte Versatzstücke hinduistischer Mythologie und bezieht diese auf zeitgenössische Erfahrungen der Leser: Bombay trägt Züge einer mal fürsorglichen, mal grausamen Muttergottheit – mal Lakshmi, mal Kali –, die ihre Kinder willkürlich belohnt oder straft.
Das zweite Kapitel beleuchtet die empirisch fassbaren räumlichen Aspekte der Textstädte. Neben Personifizierungen dienen Schauplätze und Erzählperspektiven in den Geschichten dazu, den Stadtraum empirisch und narrativ zu erschließen und konkrete, alltägliche Erfahrung zu schildern. Ähnlich wie im Film werden in der Literatur Ausschnitte von Stadt gewählt, um das unüberschaubare Ganze zu erfassen. Stadtbiographien wählen dafür häufig eine Darstellung der Stadt als Organismus. Während fiktionale Texte, besonders in den 1970er und 80er Jahren die Stadt als menschenfressenden Dämon darstellen, dem der Einzelne schutzlos ausgeliefert ist, machen jüngere Darstellungen (Biographien oder fiktionale Geschichten) die jeweilige Stadt oft selbst zu einer Art personifiziertem Subjekt der eigenen Geschichte. Auch markante Gebäude und zentrale Einrichtungen wie das Gateway of India, Bahnhöfe oder eine Teebude dienen dazu, geographische Orientierung und soziale Verankerung in Geschichten sicherzustellen. Bei näherem „Hineinzoomen“ treten jeweils unterschiedliche Ausschnitte der Stadtlandschaft in den Vordergrund, die urbanes Zusammenleben etwa im Viertel oder Mohalla als einen gesellschaftlichen Mikrokosmos beschreiben. Eine dritte Technik, mit der Autoren den Stadtraum gestalten, ist die Beschreibung sensorischer Wahrnehmung. Diese werden durch dynamisch im Raum positionierte Figuren wie den Flaneur „gefiltert“ und lassen Rückschlüsse auf die Beziehung zwischen Individuum, Menschenmenge und Stadt(raum) zu. Diese raumbildenden Wahrnehmungen bilden wiederum die Grundlage für die gesellschaftskritische Funktion dieser Figuren. Der saṛak'māp, ein Flaneur oder Tramp, übt mit seinen – im wahrsten Sinne des Wortes – gegenläufigen Ansichten Kritik am Fortschrittsimperativ, der gedankenlosen Konsumorientierung und Geschichtsvergessenheit der urbanen Mittelschichten. Durch die sinnlichen Raumwahrnehmungen des indischen Flaneurs übertragen die Autorinnen und Autoren nicht nur den dreidimensionalen Stadtraum in einen zweidimensionalen Text, sondern sie schreiben umgekehrt auch Geschichte(n) und Erinnerungen in die Textstadt ein.
Im zweiten Teil der Arbeit geht es darum, literarische Diskurse über die indische Stadt in einem größeren ideengeschichtlichen Kontext zu betrachten. Im dritten Kapitel steht daher Literatur aus den 1970er bis zu den 90er Jahren im Mittelpunkt der Betrachtung. In dieser Zeit sind viele sozialkritische Kurzgeschichten entstanden, die von den enttäuschten Hoffnungen über die (vermeintlich) ausgebliebene Modernisierung nach der Unabhängigkeit berichten. Diese Kritik erfährt besonders in utopischen Erzählungen eine Zuspitzung: Vorstellungen von einer idealen Einheit vom „Ich im Wir“, das die Vorzüge von Gemeinschaft und Gesellschaft in Einklang bringt, sind ein wichtiger Topos in den Geschichten. Er schlägt eine Brücke von den enttäuschten Idealbildern aus der Zeit des Freiheitskampfes zu den vielgestaltigen und ambivalenten Deutungsmustern der postkolonialen Zeit. In diesem Prozess kommt der Hindi-Stadtliteratur eine „konservierende“ oder stabilisierende Wirkung zu, weil in ihr nationale Ideale der Unabhängigkeitsbewegung und der Anfangsjahre der indischen Republik wieder aufgenommen und weitergedacht werden. Gerade in der – auch durch den postkolonialen Diskurs angestoßenen – Auseinandersetzung mit den prägenden Entfremdungserfahrungen des Kolonialismus suchten auf Hindi schreibende Literatinnen und Literaten nach Wegen der Aneignung der Stadtgeschichte durch alternative Deutungen. Damit trugen sie auch in den 1970er und 80er Jahren entscheidend zur Suche nach einer kulturellen und nationalen Identität Indiens bei. Diese Selbstbefragungsdiskurse spielen sich nach wie vor im imaginären Raum der inneren Sphäre ab. Wenn städtische Zugehörigkeit thematisiert wird, prallen unterschiedliche Deutungen davon aufeinander, worüber sich das „Innere“ genau definiert.
Deshalb untersucht das vierte Kapitel anhand des um 2000 vermehrt auftretenden Begriffes nāgarik'tā (Urbanität, Bürgerschaft) die literarische Umsetzung jüngerer Ideen und Ideale städtischen Zusammenlebens. Durch die Analyse und Interpretation von zwei Geschichten, Kashinath Singhs Banaras-Roman „Mohalla Assi“ (kāśī kā assī) und Prakashs Langerzählung „Die Mauern von Delhi“ (dillī kī divāreṃ), ergibt sich ein Ausblick auf die zeitgenössischen Diskurse, in denen zwei Sichtweisen von Bürgerschaft miteinander konkurrieren. Bei Kashinath Singh ist es eine Insiderperspektive, die Zugehörigkeit als fixe Identität versteht. Sie manifestiert sich sowohl durch gemeinschaftliche Praktiken und Werte als auch über die Abgrenzung gegenüber Fremden. Bei Prakash definiert sich Bürgerschaft (nāgarik'tā) hingegen durch einen Blick von außen als eine konstruierte und zufällige Kategorie. Ihm geht es um die underdogs, die als ewige Migranten in den physischen und sozialen Nischen der Stadt leben und so das Versprechen von Gleichheit und Freiheit, das der demokratische Rechtsstaat jedem Bürger und jeder Bürgerin (nāgarik) zusichert, in Frage stellen. Beide Perspektiven zeigen, dass der verfassungsrechtliche Status eines (Staats)Bürgers im heutigen Indien keineswegs ausreicht, um soziale und politische Zugehörigkeit zu sichern. Kaste, Geschlecht, Religion und Ethnie erweisen sich nach wie vor als enges Raster, das Individuen gleichermaßen ein- und ausschließt. Allerdings ähnelt sich die Stoßrichtung der Kritik auch in gewisser Weise: Sowohl die ökonomischen Außenseiter von Prakash als auch die etablierten Insider von Singh werden als Globalisierungsverlierer dargestellt. Dieses Neben- und Miteinander konservativer und neomarxistischer (bzw. subalterner) Deutungen erzeugt eine ungemein produktive Spannung und zeigt, dass Hindi-Stadtliteratur weiterhin eine bevorzugte Sphäre für Reflexionen, kritische Nachfragen und Lesarten bezüglich moderner Entwicklungen bildet, und zwar in bewusster Abgrenzung zu globalen englischsprachigen Diskursen und Deutungsmustern.
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Text © 2020 Johanna Hahn.
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Johanna Hahn