Wie lange wird der Konflikt zwischen Beijing und Moskau dauern?

  • Erwin Wickert (Autor/in)

Abstract

"Chinas Konflikt mit der Sowjetunion wird zehntausend Jahre dauern", sagte Mao Zedong im Frühjahr 1976, als er schon sehr krank war, zu einem seiner letzten Besucher, dem britischen Außenminister Crossland.
"Auch wenn sich die wirtschaftlichen und zwischenstaatlichen Beziehungen normalisieren?" fragte der Besucher.
"Dann vielleicht neuntausend Jahre", antwortete Mao.
Wenige Monate später, am 9. September 1976, starb Mao. Die westliche Presse begann sofort darüber zu spekulieren, ob sich nun das Verhältnis zwischen Beijing und Moskau verändere. Es war häufig davon die Rede, daß nun alles offen sei. Wenn sich die Pragmatiker in der chinesischen Führung durchsetzten, so hieß es, würden sie den ideologischen Konflikt mit der Sowjetunion beenden und die Entente Cordiale der fünfziger Jahre wiederherstellen. Solche Spekulationen gründeten sich auf die Annahme, daß der Konflikt zwischen Moskau und Beijing sich aus ideologischen Differenzen entwickelt habe. In Wirklichkeit entstand er aber aus ganz konkreten Interessengegensätzen, die nicht nur weiterbestanden, sondern sich sogar verschärft hatten. Es war vorauszusehen, daß die sich noch weiter verschärfen würden, wenn die Sowjetunion ihre Politik nicht von Grund auf änderte. Da die Ideologie in dem Konflikt nur eine sekundäre Rolle gespielt hatte, war der Ausdruck Ideologischer Konflikt falsch und irreführend.

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Veröffentlicht
2020-07-30